Im August 2017 ging ein Lebenstraum für mich in Erfüllung. Ich hatte all mein Taschengeld, Geld von Festen und auch schon kleine selbstverdiente Beträge in meine neue Hauptkamera, die FS700 investiert. Ein unvorstellbares Ereignis in meinem Leben, das ich nicht fassen konnte bis ich die Kamera in der Hand hielt.

Das erste Mal, als ich mit dieser Kamera in Kontakt kam, wurde sie für Slow-Motion Aufnahmen beim Projekt “BadmintonImpulz” genutzt. HFR (High-Frame-Rate) war damals schon eine unglaubliche Faszination und zeigte die Welt aus einer Perspektive, die für einen Menschen komplett neu ist. Auch der YouTube Kanal “Flying Pandas” schlug damit Profit und nutzte diese Kamera um ihre Slow-Motion Sketches umzusetzen. Nachdem mir meine vertraute DSLR Canon EOS 70D nicht mehr reichte, entschloss ich mich nach über einem halben Jahr abwiegen und vergleichen, eine gebrauchte FS700 von einem Mitglied der AbandonVisuals Crew zu kaufen (später noch wichtig: aus Amerika). Nach einer riskanten PayPal Überweisung und mehreren Wochen Wartezeit, hing das Paket endlich im Zoll. Ich fuhr mit meiner Mutter zum Hafen, um dort das Paket abzuholen.

Der Zoll

Es war das erste Mal in meinem Leben, das ich mit dem Zoll in Kontakt trat. Ich wusste kaum, was mich dort erwarten würde. Wir kamen in einen Gang mit endlos vielen Schaltern, alle gesichert mit Glasschutzscheiben. Vergleichsweise wenige Mitarbeiter und noch weniger Passanten hielten sich hier auf. Meine genauen Erinnerungen sind nur vage, aber nach etwas Wartezeit nam uns eine äußerst freundliche Mitarbeiterin in Empfang. Nachdem ich Angaben zum Paket gemacht hatte, verschwand sie für etwas Zeit in einem Hinterraum, wo offensichtlich die Pakete gelagert wurden. Ich konnte es immernoch kaum fassen, das sie jetzt wirklich diese Kamera für mich aus diesem Raum holen würde. Lächelnd kam sie zurück und führte uns in einem Raum, umrundet mit Schränken. Zentriert fanden sich zwei Tische und Stühle. Sie stellte das Paket vorsichtig auf den Tisch und legte mir eine Schere hin. Ich musste das Paket allein öffnen. Der simple Grund: Würde sie etwas beim Öffnen der Kiste beschädigen, müsste sie dafür aufkommen. Es war eine unglaublich mühsame Arbeit, die uns bestimmt eine Viertelstunde kostete. Das äußere Paket war bestimmt 20 Mal mit Paketband zugeklebt worden und im Inneren fanden wir erstmals etliche Schaumstoffdämpfer vor. Mit pochendem Herz wischte ich sie auf die Seite und erblickte den original Kamerakarton. Ich konnte mir ein breites Grinsen in diesem Moment nicht verkneifen. Doch auch dieser musste geöffnet werden und war ebenso gut verpackt wie sein Vorgänger. Der Inhalt war überwältigend, wenn man es mit einer simplen DSLR vergleicht. Es gab ein Mikrofon, ein Ladegerät, einen Top-Handle, einen Akku, etliche Kabel und, ganz unten, das Kamera-Brain, die FS700R. Mit zitternden Händen stellte ich sie auf den Tisch und, auch wenn sie glaube ich meine Freude nicht zu 100% nachvollziehen konnte, freute sich die Zollbeamte gemeinsam mit meiner Mutter mit.

Nachdem wir den Inhalt überprüft und alles wieder eingepackt hatten, musste ich noch eine große Anzahl an Angaben für den Zoll und die EU-Steuer machen. Man kann so viel sagen: Billig war es nicht, aber das war mir in diesem Moment egal.

Das erste professionelle Log-Profil

Als ich nach Hause kam, wusste ich natürlich schon alles über diese Kamera, was man über das Internet herausfinden kann. Nach 5 Minuten hatte ich schon den Slow-Motion Modus der Kamera aktiviert, das Slog2-Profil geladen und meinen kleinen Bruder als Model arrangiert. Wir gingen raus in den Garten und Station Nummer Eins war der Fußball. Es entstanden tolle Aufnahmen, genauso wie beim Rennen auf der Straße vor dem Haus.

Aber dann ging es an das Editieren des Footages und das war das erste Mal, das ich etwas so scharfes, so unkontrastiertes gesehen hatte. Und es war selbst produziert. Mein Grinsen ging mir nicht mehr aus dem Gesicht. Ich hatte vorher schon Videos zum Slog2-Profil und grundsätzlichen Color Grading Approaches angeschaut, doch was so einfach schien, kostete mich ein ganzes Jahr intensives Ausprobieren, um es zu perfektionieren. Denn auf YouTube war hier größtenteils Ende mit Wissensbeschaffung. Ich lernte sehr viel über Farben, die Bearbeitung und Wirkung dieser, den Kamerasensor und über Codecs.

Letztendlich ist mein Erfolgsrezept folgendes:

Da es sich hier um ein Log-Profil handelt, das möglichst viel Dynamic Range bereitstellt, fehlt hier sowohl Kontrast als auch Sättigung. Gelöst wird das ganze mit einer S-Kurve wobei ich die Highlights immer auf einem sehr niedrigem Level im Vergleich zu den Tiefen halte. Grund dafür ist, das Slog2 ein sehr rauschintensives Farbprofil ist (vorallem mit einer minimalen ISO2000 auf der FS700). Die Sättigung bereitete mir lange Kopfschmerzen aufgrund des AVCHD Codecs in der FS700, denn dieser lief hier mit sehr geringen Datenraten wie 20Mb/s und lies nicht viel Spielraum in der Post. Meine Lösung fand ich bei Atomos. Ich kaufte mir einen externen Recorder, den Atomos Ninja Flame, welcher ProRes und Avid DNxR aufnehmen kann. Und hierbei sind eindeutig höhere Datenraten und dementsprechend mehr Informationen für die Post da. Die Sättigung schwebt bei mir in Lumetri immer zwischen 130-150 Einheiten und bewehrt sich nach dem ProRes Upgrade auch als das Tool, das das Bild der Kamera wirklich auf seinen Level bringt.

Alle weiteren Einstellungen via LUTs oder andere Farbänderungen sind nun kein Problem und man hat immer ein tolles Bild zu erwarten.

Die Umstellung von DSLR auf professionelle Filmkamera

Die Umstellung auf die FS700R fiel mir nicht schwer (man kann sich denken warum), aber trotzdem unterscheidet sie sich in vielen Punkten von einer DSLR. Die Einstellungsgrößen sind noch die selben, sprich es gibt die Verschlusszeit, die Blende und die ISO. Hier gibt es aber schon einen Unterschied in der Bedienbarkeit. Es gibt für den Shutter, als auch die Blenden Buttons, mit denen die Größe direkt via Drehrad geändert werden kann. Die ISO aber ist ein Art Hebel, der in drei verschiedene Positionen einrasten kann. Diese kann man individuell im, leider sehr unübersichtlichen, Menü einstellen und ist dann auch auf diese limitiert, außer man geht über den langen Weg wieder ins Menü und ändert die Belegung. Ich habe mich auf die Werte 2000, 5000 und 20000 eingespielt und komme mit diesem Feature trotz anfänglicher Skepsis gut zurecht. So etwas wie einen Shutterangle gibt es leider in der FS700 nicht. Die eingebauten ND-Filter sind übrigens die absoluten Lebensretter bei solch hohen ISO-Werten und es ist einfacher keine Mattebox oder Anschraubfilter dauerhaft wechseln zu müssen!

Ein weiterer Vorteil, manchmal aber auch Nachteil ist die Form und Bauweise der Kamera. Sie ist dafür gemacht, größere Projekte umzusetzen und deshalb auch schwerer und massiger gebaut. Dadurch habe ich mehr Gewicht auf beispielsweise einer Glidecam, was den Shot stabiler macht, oder Schwenks auf dem Stativ werden auch durch die höhere Masse etwas einfacher und nicht so ruckelig wie mit einer DSLR. Natürlich muss das Equipment auch mitwachsen, denn so ein Gewicht muss erst einmal getragen werden. Man nehme Beispielsweise den DJI Ronin heran, der leider für die Form der FS700 extra Extensions braucht.

Hohe Bildraten, wie bei der FS700, auf einer akzeptablen Auflösung sind auch ganz neu, genauso die insgesamte Detailstufe des Bildes.

Ein Minuspunkt, vorallem gegenüber meiner alten Canon, ist der Autofokus und der On-Board-Screen. Der Screen wurde hier ganz unglücklich oben auf der Kamera platziert und macht tatsächlich auch nicht viel von seiner Anzeigeleistung her. Der Autofokus hat bei der Kamera auch nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit bekommen, dafür gibt es aber auch einen Grund. Denn diese Kamera ist, wie gesagt, für größere Produktionen gedacht und dort wird grundsätzlich nicht mit Autofokus, sondern mit einer Funkstrecke oder manuellem Fokus gearbeitet. Während ich den manuellen Fokus auch vorher schon immer verwendet habe, wenn ich konnte, so besteht immernoch das Problem bei der Glidecam und dem Ronin, das man während des Shots nicht einfach an den Fokusring greifen und den Fokus ziehen kann. Da war der Dual-Pixel Autofokus von Canon natürlich ein echter Lifesaver, aber darauf muss ich nun verzichten und es mit einem festen Fokuspunkt umsetzen.

Das Objektivbajonett ist bei der FS700 auf E-Mount, also Objektive von Sony ausgelegt. Ich hatte und habe aber nur EF-Mount Objektive (Canon). Glücklicherweise wurde mir gleich ein Adapter zusammen mit der FS700 verkauft, der EF- auf E-Mount adaptiert.

Toll ist es auch, einen Seitgriff mit Record- und Schnellzugriffbuttons zu haben, mit dem man die Kamera auch einhändig halten kann, während die ander das Objektive stützt und Fokus zieht.

Der Sensor

Ich kam von einem APS-C Sensor in der Canon 70D auf einen Super35 Sensor in der FS700. Der Cropfaktor ändert sich nur minimal. Aber der Sensor in der FS700 ist 4K-ready. Ein Grund warum ich so viel Geld in eine Kamera investiert habe: Zukunft. Aber das sollte sich leider als Fehler herausstellen. Denn nach einem 4-monatigen, eher schleppenden E-Mail-Verkehr mit dem Sony Prime Support (nein, der Consumer Support beantwortet solche Fragen nicht), fand ich heraus, das die Kamera nur in Amerika und nicht in Europa upgegradet werden kann. Das heißt, kein 4K für meine FS700 und auch kein RAW. Auch wenn ich das FS700R Modell habe und angeblich der RAW Output hier trotzdem über SDI funktionieren soll. Ich hatte leider noch nicht die Möglichkeit das auszutesten.

 

Zusammenfassung

Alles in allem ist die FS700, die 2012 angekündigt und auf den Markt gebracht wurde, eine Kamera, die selbst jetzt noch mithalten kann, aber langsam aber sicher überholt wird. Durch das fehlende 4K Upgrade ist es für mich wahrscheinlich unvermeidlich auch irgendwann auf eine andere, neuere Kamera umzusteigen. Das einzige Feature, das die Kamera gerade noch über allen anderen in dieser Preisklasse thronen lässt, ist die Zeitlupe und das ist auch für mich der Grund, warum ich diese Kamera lange oder garnicht verkaufen werde. Mit dieser Kamera dürfte ich etliche großartige Shoots erleben und durchstehen und sie hat mich trotz ihrer langen und teilweise auch harten Nutzung nie im Stich gelassen. Mit ein paar Upgrades steht sie mir auch jetzt noch gut zur Seite.

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